JOCHEN FIEDLER - DRESDEN
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Clemens Jöckle
Vom Elbflorenz in die pfälzische Toscana –
Jochen Fiedler und die Italianità

„Die Luft … in der Pfalz ist besonders schön und besonders bunt,
sehr südlich deutsch …,
manchmal ist sie von einer silberblauen Leichtigkeit wie in Attika“
Emil Waldmann 1925

Wahlverwandtschaften – Goethe sei dank – sind auch in der Bildenden Kunst eine spannungsvolle Gegebenheit. Sie führen zu überraschenden Feststellungen bei der offenkundigen inneren Verbindung des Dresdner Künstlers Jochen Fiedler mit seiner sächsischen Heimat und der ihm vertraut gewordenen Pfalz. Die Gemeinsamkeiten springen ins Auge: Erglänzt an den sonnigen Tagen die Stadt Dresden oder die Sächsische Schweiz wie eine Vision unter dem silberblauen Himmel, dem Licht des Südens vergleichbar, wird die hügelige Gegend oder das Elbtal im Mezzogiorno schwerblütig und lastend. In der Pfalz ducken sich die Häuser der kleinen Weindörfer wie Nussschalen in die Bodenwellen und die Landschaft schimmert im milden Mirabellenlicht der Toscana. Auch sie kann in ihrer Farbigkeit in den schwülen Stunden des Nachmittags schwer lastend und drückend erscheinen.

Es ist eine beglückende Erkenntnis des Wohlbehagens in den sächsischen und in den pfälzischen Landschaften spürbar. Flimmernde feinspurige Farbpartikel, leidenschaftlich divisionistisch gesetzte Pastell- oder Pinselstriche, Ton an Ton addierend flächig aufgetragene, den Duktus des Pinsels sichtbar belassene Tâches, die Baumkronen oder Dachlandschaften kristallin formende Schraffur, oder expressiven Fühlfäden gleich als Contre-Jour-Effekt ins Gegenlicht gesetzte Baumstämmchen werden zur Landschaft komponiert.

Eine polyphone Farben-Symphonie erklingt in fein abgestufter Tonigkeit, manchmal orchestral und volltönend gesättigt, manchmal zerfließend wie das Parlando einer Harfe, manchmal angedeutet wie das Pizzicato einer Geige. Das Liniengeflecht wird als rhythmischer Ordnungsfaktor eingesetzt, der im Tongemälde mitschwingt und niemals den Fluss der Farbtöne einengt oder begrenzt. Aber er strukturiert, schafft aus den Flächenwirkungen der reinen Farbe die Raumtiefe und modelliert die wenigen Bildgegenstände. Diese Musikalität zwingt zur Konzentration auf das Wesentliche, will der Künstler die Landschaft unverwechselbar charakterisieren. „Erfassen, Erhöhen, das Wesentliche herausarbeiten“ – das Lehrdiktum des alten Erich Heckel führt zu den Dresdener Wurzeln dieser Landschaftsauffassung. Die besten Lehren und Traditionen fließen mit ein. Die pfälzische Italianitá ist nicht nur von sächsischem Temperament geprägt, sondern auch so gesehen und bewusst aus der großen dort beheimateten expressiven Landschaftstradition gestaltet. Die Gemälde wurden teils vor der Natur angelegt oder auch vollendet, teils wurden Pastelle im Atelier in großformatige Leinwände umgesetzt und so der Natureindruck gesteigert.

Selbst die kleinste Weingegend Deutschlands, nämlich Sachsen, kennt die wie mit einem Lineal akkurat über den Boden gezogenen Rebzeilen, welche die natürliche Bodenstruktur in geringer Höhe rastermäßig überformen. Das alles begegnet dem Künstler in der Pfalz wieder und weckt Vertrautheit. Statt der Elbtäler wird nun die weite Rheinebene in den Blick genommen, die an die in leichter Sinuskurvatur melodisch schwingende Bergkette der Haardt gleichsam anbrandet; das Rebenmeer ergießt sich hügelwärts. Jochen Fiedler hat sich auf mehreren Malreisen vor der Natur die pfälzische Landschaft einverleibt.

Dabei bleibt Jochen Fiedler Beobachter, führt auch dem Betrachter seinen gewählten Landschaftsausschnitt vor. Es ereignet sich kein vehementes Strudeln in die Bildtiefe, wie man es von Max Slevogt in seinen das Bild der Pfalz prägenden Landschaften um Godramstein gewohnt ist, vielmehr tritt das Überblickshafte, harmonisch Ausgewogene bei der Charakterisierung der Landschaft an die Stelle des spontanen Malaktes. Die Bilder sind in horizontalen Streifen aufgebaut, verklammern die einzelnen Bildzonen als separate Ereignisräume, wenn dem braunen Bodenstreifen sattes Wiesengrün folgt, die Rebzeilen mit ihren metallenen Pfosten folgen, während sich die roten Hausdächer in der Senke ducken, ehe dann im blauen Licht die Haardt zu den reichen Wolkengeschieben überleitet.

Dabei bewegt sich Fiedler wie auf einer Skala zwischen Naturerfassung und Extraktion. Rigoros lässt er alles Nebensächliche beiseite und legt den Wesenskern des Motivs über die Augenblicksstimmung hinaus offen. Er betont die koloristische Ausdrucksfähigkeit und schafft in der Bindung an die vorgefundene Landschaftsgestalt eine eigenstarke Formung statt bloßer Wiedergabe.

Das Repertoire der gewählten Motive lässt sich vergleichbar den sächsischen Landschaften einteilen. In den Motiven mit Ansichten der Stadt Landau in der Pfalz hat Fiedler Häuserpartien längs der Queich, darunter auch einen Blick auf das Hafermagazin ausgewählt. Blockhafte Geschlossenheit der Architekturen umrahmt den Flusslauf, dessen Oberfläche bunte Farbigkeit spiegelt. Die verwinkelten und abschüssigen Straßenzüge in den dörflichen Siedlungen beherrschen hellfarbige Hausfassaden mit Krüppelwalmdächern. Der hochgelegene Standpunkt des Malers lässt oft über die tief liegenden Dorfränder hinaus einen Blick auf die saftigen Weinberge und die Haardt zu.

Eine Besonderheit bilden die „Hausgesichter“. Der Künstler protokolliert alleine mit malerischen Mitteln, kleinteiligen Pinselzügen und manchmal pointilistsich aufgetragenen Rasterungen die Alterung der Architekturen. Sie sind kein zeitloses Erscheinungsbild mehr wie die Landschaften. Der Künstler spürt vielmehr dem Abgewohnten der Häuser nach und protokolliert den Verfall der Fassaden. Er zeigt die hinterlassenen Spuren, die dem Objekt durch Nutzung und Abnutzung hinzugefügt worden sind. Der Künstler wird so zum anteilnehmenden Anwalt der Vergänglichkeit, weil er einen Zustand im fortlaufenden Prozess des Verfalls in das Dauerhafte der Malerei gebannt hat.

Die Baum- und Waldinterieurs verstellen mit den nahbildlich herangeholten Baumkronen in herbstlicher Laubfärbung den Blick in die Landschaft und betonen die graphische Komponente als in Baumstämmen und Ästen sich aufzeigendes Kompositionsgerüst. Die Panoramalandschaften geben skizzenhaft Strukturen der Wolkenformationen und der Rebzeilen. Die Loslösung vom Abbildhaften ist weit vorangetrieben, weil der Pastell- oder Pinselstrich rein aus der Farbe Struktur und Melos der Landschaft wiedergibt. Die Einzelheiten sind zugunsten der Farbschraffur, der Farbfläche und des sichtbar belassenen gestischen Malvorgangs zurückgenommen.

Jochen Fiedler hat die Pfälzische Landschaft ins rechte (und richtige) Licht gesetzt, weil er mit suchendem Auge, in klarer Offenheit, die wahrgenommene Wirklichkeit durch seine Farben visionär mit Begeisterung und Nüchternheit zugleich verwandelt hat.

 

Clemens Jöckle

Dr. phil. Axel Schöne

Katja Margarethe Mieth

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